Kümmern wir uns wirklich täglich, verlässlich um die Grundlagen?
Vor Kurzem habe ich eine Folge des Rich Roll Podcast gehört, in der es um die ganze Wellness- und Biohacking-Bewegung ging. Rich Roll selbst ist ein Ausnahmeathlet – einer, der weiß, wovon er spricht, wenn es um Höchstleistung geht. Entsprechend war der Ton auch nicht spöttisch, sondern fast schon besorgt, beinahe eine Warnung: Vieles in dieser Bewegung hat einen einzigen Zweck – Geld aus der Tasche zu ziehen. Einen messbaren Effekt auf die Performance hat es dagegen in den seltensten Fällen. Im Gegenteil.
Eisbaden, Rotlicht, Sauna, die Faszienrolle, durchgetaktete Morgenroutinen mit zwölf Schritten – das alles frisst Zeit. Und Zeit ist bekanntlich das, wovon wir am wenigsten haben. Jede Stunde, die in eine ausgeklügelte Wellness-Routine fließt, ist eine Stunde, die nicht in das fließt, was wirklich etwas bringt: die Grundlagen.
Nimm die Vorbereitung auf einen Ironman als Beispiel. Der Hebel, der wirklich zählt, ist das Zone-2-Training – stundenlanges, stinklangweiliges Grundlagentraining. Nicht die Stunde auf der Faszienrolle danach. Manche der Wellness-Spielereien mögen einen kleinen Zusatznutzen haben, das will ich gar nicht bestreiten. Aber es gibt keine Shortcuts: Ohne das stundenlange Grundlagentraining bringt auch das ausgeklügeltste Drumherum nichts. Die Frage, die man sich stellen sollte, ist immer dieselbe: Hat das einen echten, messbaren Effekt auf die Performance – oder fühlt es sich nur gut an, etwas zu tun?
Der Blick auf die Spitze
Ein guter Realitätscheck: Was machen die Besten der Welt tatsächlich? Wie sieht der Alltag von Olympioniken wirklich aus – Training, Ernährung und alles andere?
Die wenigsten von ihnen hängen an irgendwelchen Biohacking-Gadgets. Die meisten verbringen den Großteil ihrer Zeit mit den Grundlagen. Und das Interessante daran: Gerade Profisportler, die das hauptberuflich machen, hätten eigentlich am ehesten die Zeit und die Mittel, sich mit jeder Wellness-Spielerei am Markt zu beschäftigen. Sie tun es trotzdem nicht – oder nur am Rand. Sie investieren die Zeit lieber dort, wo sie tatsächlich etwas bringt.
Das ist die Moral von der Geschichte: Je besser jemand in seinem Feld ist, desto konsequenter konzentriert er sich auf die Grundlagen. Nicht umgekehrt.
Die Sales-Version der Biohacking-Falle
Im Business – und ganz besonders im Sales – läuft es ähnlich ab. Am Ende zählt die unumstößliche Wahrheit: Nichts ist passiert, bis etwas verkauft wurde. Dementsprechend müssen alle Ressourcen und Aktivitäten auf genau dieses Ziel einzahlen. Alles andere ist nice to have oder eben Ablenkung.
Trotzdem schieben wir im Sales gern die Dinge auf, die den größten Impact haben und oft auch am unangenehmsten sind – Stichwort „Eat the Frog". Statt den Kunden anzurufen, feilt man lieber noch einmal an einer besonders fancy E-Mail. Statt das Gespräch zu suchen, das vielleicht unbequem wird, optimiert man das Pitch-Deck zum fünften Mal, testet ein neues CRM-Feature oder poliert den Social-Media-Auftritt. Alles Dinge, die sich produktiv anfühlen – aber selten das sind, was den Abschluss tatsächlich näherbringt.
Es ist das Biohacking-Äquivalent im Business: Beschäftigung statt Produktivität.
Warum das passiert
Im Alltag, unter Druck, driftet man fast automatisch von den anstrengenden Grundlagen weg – hin zu dem, was sich in dem Moment angenehmer anfühlt. Das ist keine Frage von Disziplinlosigkeit, sondern von Energiehaushalt: Der Kundenanruf kostet Überwindung, die E-Mail nicht. Also macht man die E-Mail.
Genau da liegt das eigentliche Problem: Komfort-Aktivität und Impact-Aktivität sind selten dasselbe. Und je gestresster oder ausgelasteter man ist, desto mehr driftet man in Richtung Komfort.
Die Aufgabe von Führung
Deshalb ist es eine der zentralen Aufgaben von Management, immer wieder – und zwar wirklich immer wieder – den Fokus zurück auf die Grundlagen zu lenken. Nicht einmal im Kickoff-Meeting erwähnen und dann hoffen, dass es hängen bleibt, sondern es zur Routine machen, es sichtbar und messbar halten. Nicht die Anzahl der polierten E-Mails zählen, sondern die Anzahl der geführten Gespräche. Nicht fragen, wie das Deck aussieht, sondern fragen, wer heute angerufen wurde.
Gleichzeitig heißt das für Führung auch, den Stress und Druck auf die Mitarbeiter nicht unnötig zusätzlich hochzuschrauben. Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Kapazität, Stress zu ertragen, und die sollte in der Arbeit am Kunden aufgebraucht werden, im Gespräch, im Verkauf, dort, wo sie etwas bewirkt. Nicht intern, im Team, durch unnötigen Druck von oben.
Sonst passiert genau das, was im Wellness-Business passiert: Viel Aktivität, viel Zubehör, viel gutes Gefühl und kaum Wirkung auf das, was eigentlich zählt.
Gute Frage…
Kümmern wir uns wirklich täglich, verlässlich um die Grundlagen? Nicht: Haben wir sie einmal abgehakt. Sondern: Bleiben wir wirklich, Tag für Tag, dran? Oder beschäftigen wir uns – im Sport wie im Business – längst mehr mit dem Drumherum als mit dem, was tatsächlich den Unterschied macht?